Der Wal, die Rentnergang, die Großmama oder warum Zeit ein kostbares Gut ist! ☺ Vom 19. Juni 2014

Seit einigen Jahren habe ich, immer wenn ich nicht arbeite, ein festes Mittwochsritual, ich treffe mich mit meiner Rentnergang. Die Mitglieder dieser kleinen elitären Gruppe sind mein Vater (87), Tante Berta (86) und Onkel Max (81). Am Anfang war auch meine Mama (75) dabei, aber leider hat sie sich jetzt einer Engelsgang angeschlossen 🙂

Onkel Max und mein Vater kenne sich seit dem sie um die 20 Jahre alt waren, damals haben sie in der gleichen Kneipe gekellnert und Tante Bertas verstorbener Mann und mein Vater sind schon zusammen in die Grundschule gegangen. Also stehen hinter dieser Verbindung Jahrzehnte lange Freundschaften, was ich faszinierend finde. Meine älteste Freundin und ich sind jetzt seit 25 Jahren „zusammen“ und das ist für mich schon unfassbar lang, wie muss es da wohl erst sein, wenn man 60 Jahre und mehr zusammen erlebt hat? Ich kann es mir kaum vorstellen. Die Drei haben, den Krieg, Ihre Hochzeiten, die Geburten Ihrer Kinder, die Todesfälle Ihrer Partner und noch so vieles mehr erlebt und vor allem überlebt. Ich hoffe, das auch ich Freundschaften habe, die so lange halten werden!

Als Kind denkt man ja für eine lange Zeit, das die Menschen die man liebt unsterblich sind. Ich hatte das große Glück, das ich erst spät im Leben, einen mir wirklich nah stehenden Menschen, verloren habe, also konnte ich lange an dieser Illusion festhalten.

Vor 10 Jahren starb meine Großmama, die sicher zu den wichtigsten Menschen in meinem Leben gehört hat. Ihre Wertevorstellungen haben mich, und ich vermute auch den Rest meiner Familie, extrem geprägt.

Ich glaube nicht, das wir „gut“ oder „schlecht“ auf die Welt kommen, sondern das unsere Entwicklung von den Menschen abhängt, die uns beim Erwachsen werden begleiten.

Die Maßstäbe was einen Menschen als „gut“ definiert sind sicher unterschiedlich, denn jeder hat andere Werte. Für mich war meine Großmama ein wirklich guter Mensch, weil sie Ihr eigenes Wohl, immer hinten angestellt hat und ihr nicht nur das Glück Ihrer Familie, sondern das aller Menschen in Ihrem Umfeld wichtiger war, als Ihr eigenes.

Meine Großmama Vladimira war Jahrgang 1922 und wurde durch den Krieg, wie so viele andere, um Ihre Jugend betrogen. Sie stammte aus einem kleinen Dorf in Slowenien und da wir eine jüdische Familie sind, mussten sie nicht in den Krieg ziehen, sondern gingen in den Untergrund, da war sie gerade 16 Jahre alt. Ich glaube, dass viele der Dinge die sie erlebt hat, einen schwächeren Menschen, zynisch und verbittert gemacht hätten.

Bei ihr hat die Grausamkeit des Krieges genau das Gegenteil bewirkt.

Sie hat mir mal erklärt, das es immer viel böses in der Welt geben wird, und das man das nicht verhindern könne, weil die Menschen die böses handeln, ja nicht glauben das sie etwas böses tun, sondern auf Ihre Weise davon überzeugt sind, das richtige zu tun. Das einzige was wir machen könnten und auch müssten, wäre uns besonders viel Mühe zu geben, gute Menschen zu sein, damit die Waagschale zwischen Gut und Böse ausgeglichen bleibt. Jeder Mensch der es wirklich wolle, könnte die Welt zu einem besseren Ort machen.

Damals war ich 14 Jahre alt und wir verbrachten einen gemeinsamen Sommer in New York, weil sie dort einige Zeit lebte und arbeitete und wenn ich ehrlich bin, hat mich diese Sicht beeindruckt, aber ich habe sie nicht wirklich verstanden.

Heute bin ich 43 und verstehe jetzt zwar, was sie damit meinte, aber in meinem Herzen fällt es mir schwer, Ihre tolerante Sicht zu teilen.

Was aber bei mir hängen geblieben ist, ist die Erkenntnis das Rachsucht destruktiv ist und es besser ist nicht zurück zu blicken, sondern los zu lassen und nach vorne zu schauen und es in Zukunft besser zu machen!

Wahrscheinlich muss ich dieser Tage so oft an sie denken, weil „nach vorne Blicken“ gerade etwas ist, was ich versuche zu beherzigen.

Nicht nur, das ich im Gegensatz zum zarten Elfenkörper meiner Großmutter, eher die geometrischen Ausmaße eines Elefanten habe, nein auch mein Gedächtnis gleicht dem eines Dickhäuters, was bedeutet das ich ziemlich gut darin bin, lange einen Groll zu hegen und zu pflegen. Die Vergangenheit Ruhen zu lassen und weder Nachtragend noch Rachsüchtig zu sein, gehört also auch zu den Dingen die ich gerne an mir verändern möchte.

Das ist übrigens fast genauso anstrengend wie abnehmen

Als meine Großmama 2000 so krank wurde, dass sie nicht mehr alleine leben konnte, hat meine Mutter sie zu sich geholt. Die folgenden vier Jahre hatten zwar viele schöne, innige Momente, aber sie waren primär anstrengend und Schmerzhaft, besonders für meine Mutter. Ich bin nicht Stolz auf meine Rolle in diesen vier Jahren, denn ich habe mich ziemlich distanziert verhalten. Wenn meine Hilfe gebraucht wurde, dann kam ich, aber eben meistens nur dann. Meine Großmama war schwer Demenzkrank und ich konnte es einfach nicht ertragen, das sie oft nicht mehr wusste wer ich war.

Meine Großmama war immer die größte Träumerin in unserer Familie, gesegnet mit einem unerschöpflichen Vorrat an Phantasie und Optimismus. In Ihren Augen war mir ein Schicksal voller großer Taten und Abenteuer bestimmt. Sie wollte das ich die Welt verändere und dann wußte sie eines Tages einfach nicht mehr wer ich bin!

Ihrem geistigen Verfall zuzusehen war mehr als ich damals verkraften konnte und bis heute empfinde ich das Erlebnis, das ein Mensch den ich über alles geliebt habe, mich nicht mehr erkannt hat, als die Schmerzhafteste Erfahrung meines Lebens.

Sie starb an einem Sommerabend und meine Mutter und ich waren bei Ihr und erst als wir Ihr beide Lebewohl gesagt hatten, ist sie mit einem wirklich friedlichem Seufzer für immer eingeschlafen.

Ich schäme mich nicht zuzugeben, das wir alle erst mal erleichtert waren, das Ihr Leiden zu Ende war. Wir haben Ihr Leben, drei Tage lang mit all unseren Freunden, die aus ganz Deutschland angereist kamen, gefeiert. Aber wirklich getrauert um sie, habe ich erst fast zwei Jahre später.

Es war Hochsommer und ich stand an einer Bahnhaltestelle, als eine kleine ältere Dame, in einem Chanel Kostüm aus dicker Winterwolle, das sicher viel zu warm bei der Hitze war, schwankend neben mir Stand. Ich fragte sie, ob ich Ihr helfen könnte und musste schnell merken, dass sie geistig verwirrt war. Ich nahm sie bei der Hand und setzte mich mit ihr in ein Cafe in der Nähe der Haltestelle, damit sie erst mal etwas trinken konnte. Sie erzählte mir eine verwirrende Geschichte, das sie Karten für die Oper hätte und jetzt zu spät käme, wenn ich sie aber zur Oper bringen würde, ich ja direkt zusammen mit Ihr in die Vorstellung gehen könnte. Was tut man in so einer Situation? Ich fragte ob sie mir die Opernkarten zeigen könnte und als sie Ihre Handtasche öffnete, sah ich, das außer einem Stofftaschentuch und Pfefferminzbonbons, nichts darin war. Sie konnte mir weder Ihren Namen nennen, noch wo sie wohnt. Ich tat also das einzig mögliche und rief die Polizei. Die kamen auch wirklich schnell und nahmen die kleine Dame mit und obwohl ich unbedingt wollte, durfte ich nicht mitfahren. Ich konnte nur meine Kontaktdaten mit geben und darum bitten, dass man mich informiert, ob man Ihr zuhause gefunden hatte. Ich wurde am gleichen Abend von der Seniorenresidenz angerufen, aus der sie ausgebüxt war. Also irgendwie alles gut!

Aber ich werde nie vergessen, wie sehr die kleine Dame geweint hat, als man sie in das Auto brachte und wie vorwurfsvoll sie mich angeschaut hat, weil sie nicht verstand warum ich nicht bei Ihr blieb.

An diesem Nachmittag, habe ich das erste Mal in meinem Leben, aus Trauer geweint.

Ich weinte um die kleine Dame die ich alleine lassen musste, obwohl sie mir vertraut hatte. Um meine Großmutter und all die Zeit die ich nicht mit ihr verbracht hatte, weil ich zu feige und zu schwach war, etwas zu sehen was unabwendbar war, ich aber nicht wahr haben wollte.

Es heißt, dass man nicht um die Verstorbenen, sondern um sich selbst bzw. den eigenen Verlust trauert. Ich denke das stimmt, zumindest in Teilen. Meine Großmutter hatte ein reiches, erfülltes Leben und sie starb als, und wie sie es wollte, umgeben von Liebe. Mehr kann man sich, für einen geliebten Menschen, nicht wünschen. Meine Trauer galt den nicht getanen Dingen, den verpassten Gelegenheiten.

Meine Mutter hat mir für meine „Abwesenheit“ in diesen Jahren zwar Absolution erteilt und das direkt von Anfang an, als absehbar war wie ich damit umgehe. Sie nennt es den Generationenvertrag, womit sie meint, dass es nicht meine Aufgabe war mich um meine Großmutter zu kümmern, sondern Ihre.

Aber es gibt Dinge, von denen kann einen niemand frei Sprechen. Das eigene Gewissen ist stärker als alles andere und hält sich nicht an weltliche Absprachen!

Das Beste was ich tun kann, um meiner Großmama und Ihrem Leben Ehre zu erweisen, ist nach Vorne zu blicken und es in Zukunft besser zu machen!

Aus diesem Grund gibt es den Mittwoch und die Rentnergang. Ich habe gelernt, dass Zeit wirklich vergänglich ist, und das die Momente mit denen die wir lieben, sehr kostbar sind. Ich wollte mit meinen Pflegeeltern nicht den gleichen Fehler wie mit meiner Großmama machen.

Es ist nicht immer unanstrengend mit älteren Menschen zusammen zu sein. Es scheint unausweichlich, das man mit zunehmendem Alter immer mehr in seinen Erinnerungen lebt und auch wenn mich die Erinnerungen interessieren, so wollte ich doch ein anderes „Zusammensein“ mit meinen Eltern, weniger passiv und mehr aktiv.

So entstand die Idee des Spielenachmittags und weil die Freunde meiner Eltern damals schon ohne Partner waren und auch viel freie Zeit hatten, habe ich sie direkt dazugeholt.

Seit ca. sieben Jahren, kommt also meine Rentnergang jeden Mittwoch an dem ich nicht arbeiten muss, zu mir. Ich koche für uns und anschließend spielen wir den ganzen Nachmittag Rommecup, was so ähnlich wie das Kartenspiel Romme ist, nur Steinen statt Karten. Ich gestehe, dass diese Mittwoche am Anfang eine „Pflichtveranstaltung“ waren, die ich mir auferlegt hatte, um einem zukünftigen schlechten Gewissen vorzubeugen.

Aber im laufe der Jahre ist so viel mehr daraus geworden, so seltsam das klingen mag, die drei sind nicht einfach nur älter Leutchen, denen ich „großzügigerweise“ ein bisschen Zeit widme, sondern sie sind auch meine Freunde geworden.

Schon längst sind meine Mittwoche nicht mehr Pflicht, sondern ein Treffen auf das ich mich freue, weil ich es genieße mit Ihnen zusammen zu sein. In meinen Augen sehen die drei auch nur noch selten wie „Alte“ Menschen aus, denn sie benehmen sich nicht „Alt“. Sie sind genauso albern wie ich und Ihr Humor keinen Deut weniger Zweideutig als meiner. Ich sehe die Jungen Menschen die sie einmal waren jetzt immer ganz deutlich vor mir. Sie reden immer noch viel über die Vergangenheit, aber an unseren Mitwochen leben sie auch im hier und jetzt. Die diebische Freude, die ich in Ihren Augen sehe, wenn sie mich mal wieder abgezockt haben, und das schallende Gelächter wenn die beiden Herren über das Pro und Contra von Viagra diskutieren, während Tante Berta und ich sie pikiert anschauen, lässt mich hoffen das es noch sehr viele solcher Mittwochen geben wird. Denn wie mein Vater immer so gerne sagt „Ich finde das Leben schön“ und auch wenn er das manchmal nur sagt, damit wir weniger besorgt sind, so glaube ich doch, das er es an unseren Mittwochen immer ehrlich meint!

Es ist nie zu spät, um nach Vorne zu schauen, und es besser als in der Vergangenheit zu machen. Manchmal wird man dann sogar dafür belohnt, z.B. mit neuen Freunden… 😉

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2 Kommentare zu “Der Wal, die Rentnergang, die Großmama oder warum Zeit ein kostbares Gut ist! ☺ Vom 19. Juni 2014

  1. Hat dies auf Vom Wal zum Aal? Ein ehrliches Tagebuch! rebloggt und kommentierte:

    Wäre ich auf der Suche nach einer Ausrede, um den Start der 2. Staffel „Vom Wal zum Aal“ zu verschieben, dann könnte ich jetzt wohl behaupten, dass das Schicksaal gerade gegen mich und meine sportlichen Ambitionen ist. Aber ich befürchte, das Schicksaal hat wenig damit zu tun, es ist wohl eher so, das meine Pläne und auch ich selbst, nun mal nicht der Bauchnabel der Welt sind und nicht alles nach meiner Pfeife tanzt.
    Heute Morgen habe ich meinen Vater mal wieder ins Krankenhaus gebracht. Es handelt sich nicht um einen dramatischen Notfall, wobei in seinem Alter (89) fühlt sich jeder Krankenhaus Aufenthalt wie ein Notfall an, sondern er wurde überwiesen. Ich weiß nicht ob ich es schon mal geschrieben habe, aber mein Vater ist auf dem Papier eigentlich schon seit mindestens 20 Jahren tot, was ja schon mal den Spruch „Todgesagt leben länger“ unterstützt. Ich versuche immer cool und Herrin der Lage zu sein, wenn wieder eine Krankenhaus Odyssee ansteht, aber innerlich fühle ich mich wie eine fünfjährige und würde ich am liebsten im Schrank verstecken, bis jemand anders kommt und die Verantwortung übernimmt. Aber so funktioniert das eben nicht, früher oder später muss man erwachsen werden und auch mal Verantwortung für die Eltern übernehmen und das ist ja auch gut so. Meine große Schwester und ich bekommen das auch ganz gut hin.
    Eigentlich wollte ich jetzt bloggen und ich hätte auch die Zeit dazu, aber um ehrlich zu sein, ich fühle mich deprimiert und niedergeschlagen. Als ich vorhin in der Bahn saß ging mir durch den Kopf, was sich alles, seit dem letztem Jahr um diese Zeit, geändert hat. Zeit ist echt kostbar, besonders wenn es um die älteren unter uns geht. Darum reblogge ich heute einen alten Eintrag aus dem letzten Jahr, einfach weil ich Euch daran erinnern möchte, das die Zeit läuft… ☹

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