Der Wal, das kollektive Gedächtnis, dick ist schick oder im Regen tanzen! ☺

Gestern Abend, als ich gemütlich im Bett lag, habe ich so in FB rumgestöbert und den Beitrag einer FB Freundin gelesen, in dem sie berichtete, das sie einen FB Freund entfreundet hat, weil er eine Dicke Frau am Strand fotografiert hat und das Bild mit einem sehr bösen Kommentar auf FB gepostet hat. Vor allem aber hat sie sehr ehrlich berichtet, welche Gefühle dieser Post bei Ihr ausgelöst hat und wie sie sich generell im Moment als übergewichtige Frau fühlt. Über die Unsicherheit, die Scham und die Angst.

Auf diesen Eintrag, den ich sehr schön und bewegend fand, folgte eine Welle an Zuneigung und emotionaler Unterstützung. Das ist auch gut so, denn wenn man so etwas erlebt, muss man dringend daran erinnert werden, dass da draußen nicht nur Arschlöcher rumlaufen! 🙂

Im Zuge der Kommentare entstand eine Diskussion (wobei eigentlich alle auf einer Seite standen, nämlich das der Typ ein Arsch ist und das innere Werte das wichtigste sind) und in der die FB Freundin versuchte Ihr Problem, mit diesem Post bzw. was er bei Ihr auslöste, präziser zu erklären.

Sie schrieb den Satz „Ich möchte verletzlich sein dürfen, ohne verletzt zu werden“ der mir seit dem nicht mehr aus dem Kopf geht. Zum einen weil ich glaube zu verstehen, was sie damit sagen wollte und zum anderen, weil es mir nicht nur aus der Seele spricht, sondern geradezu schreit!

Bevor ich mit diesem Tagebuch angefangen habe, war ich nicht so sensibilisiert für das Thema „Dicke“ wie man vermuten würde, wenn man bedenkt, das ich schon lange zu dazugehöre. Ich denke das liegt daran, dass ich mich sehr lange gar nicht so bewusst als anders, als Dick, wahrgenommen habe. Natürlich wusste ich, das ich dick bin, aber ich fand es wirklich nicht schlimm, kein Grund zu verzweifeln oder unglücklich zu sein. Für mich war es lange eher eine Art Lebensentscheidung. Ich hatte die Wahl meine Genuss Lust und körperliche Faulheit in vollen Zügen auszuleben oder disziplinierter zu leben, und somit auch schlanker zu sein. Viele Jahre habe ich gut und zufrieden mit der Wahl der Ersten Möglichkeit, gelebt.

Das ich das jetzt ändere hat drei Gründe. 1. Das Gewicht ist irgendwann ungesund außer Kontrolle geraten und es ging mir nicht mehr gut! 2. Ich war mir nicht mehr sicher, ob meine Genuss Lust nicht vielleicht schon eine Sucht geworden war und ob Faulheit eine Frage der freien Wahl, oder des schlichten „nicht anders Können“ war. Und ich will ja schon die Herrscherin meines Körpers sein und nicht andersrum! 3. Ich zocke gerne, sogar mit mir selbst, also wurde daraus ein Spiel in dem es darum geht mich selbst bzw. mein altes „Ich“, zu besiegen! Einen spannenderen Gegner könnte es für mich nicht geben! 🙂

Aber ich ändere es nicht, weil ich unglücklich war, mich nicht als akzeptierter Mensch gefühlt hätte. Ich will versuchen es besser zu erklären. Ich wiege jetzt auf 1,80m um die 131 Kg, was immer noch ein EXTREMES Übergewicht ist. Das wisst Ihr, das muss ich nicht groß erklären. Aber die Frau die ich heutzutage im Spiegel sehe gefällt mir, sie gefällt mir sogar sehr gut! Sie ist Dick, hat aber Figur, Ihr Dekollete sieht appetitlich aus, die Haut ist sauber und klar, Fältchen kommen immer mehr, aber es sind die Netten, die man vom Lachen bekommt. Haare sind kräftig und gesund, Cellulite ist nicht zu leugnen, aber die Beine sind trotzdem wohlgeformte Kartoffelstampfer. Sie lächelt mich glücklich, mit einer selbstironischen Note an! Ich zähle nach jeder Tabelle auf Gottes Erden, zu den schwer Übergewichtigen, ja den Adipösen, aber das ändert nichts daran, das ich mich wohl und glücklich und eigentlich auch schön fühle!

So sitze ich hier, während ich Euch schreibe, entspannt, ungeschminkt und sehr zufrieden. Wobei ich schon gerne erwähnen möchte, das ich keinen Sonnenbrand habe, dafür aber rote Jalousien mit Sonneneinstrahlung! 🙂

Foto am 09.08.14 um 16.22

In den letzten Monaten habe ich unwiderruflich gelernt, das die Mehrheit der Übergewichtigen Menschen, aufrichtig unzufrieden bis unglücklich mit dem eigenen Aussehen ist. Ich habe Berichte gelesen, die mich so traurig gemacht haben, dass ich mehr als einmal einen dicken Klos im Hals und Tränen in den Augen hatte.

Für mich ganz persönlich, ist oft das tragischste, dass ich diese Menschen ganz anders wahrnehme als sie sich selbst. Es wäre gelogen zu behaupten, das es nicht auch jene gibt, die wie auch ich selbst, eine Grenze überschritten haben, die ungesund ist. Aber es sind auch wirklich viele dabei, die Dick aber schön, sexy, hübsch, attraktiv schlicht weg großartig sind. Ich möchte sogar behaupten, das man das nach allgemeinen Maßstäben so werten würde und es nicht nur meine subjektive Meinung ist.

Ich glaube das diese Menschen sich selbst so negativ wahrnehmen, weil wir in einer Welt leben, die zwar alles dazu tut, das es extrem leicht ist dick zu werden, aber diejenigen die der Versuchung erliegen, verachtet und verurteilt. Natürlich gibt es auch jene Dicken die Opfer medizinischer Umstände sind, aber die Gesellschaft macht da keine großen Unterschiede! Es ist einfach nicht OK Dick zu sein und das OK zu finden!

Dieses Tagebuch bringt mich oft in einen heftigen Zwiespalt, denn ich berichte ja über eine Reise der Veränderung von Dick zu Schlank, von Faul zu sportlich. Aber gleichzeitig möchte ich immer wieder raus schreien, es ist schön Dick zu sein, traut Euch, Euch zu mögen und Euch selbst richtig klasse zu finden. Versteckt Euch nicht unter Mumus und anderen Schlabberklamotten. Geht hin und macht das Beste aus Euch, damit andere Euer Bestes sehen können.

Das ist schwer, denn das über Dicke Witze gemacht werden, ist so natürlich in den Genen der Menschen verankert, wie der Instinkt zu Atmen! Seit ich mich so intensiv mit dem Thema beschäftige, sehe ich die Diskriminierung, die dafür sorgt dass man als Dicker nur schwer Selbstbewusstsein entwickeln kann, überall! Und ich meine wirklich überall, im Fernsehen, in der Zeitung, im Internet, mit den eigenen Freunden und auf der Arbeit.

Es ist überall, weil es so natürlich wie Atmen ist! Meine aktuelle Lieblings Comedy ist „The Big Bang Theory“ und auch dort, eine Figur hat eine Mutter, die man nie zu sehen bekommt, aber der Running Gag ist, das diese Mutter absolut verfressen und überdimensional Dick ist. Lache ich darüber? Ja, tue ich! Aber eigentlich ist das doch Scheiße! Ich lache dabei schließlich auch über mich selbst. Nein, ich bin nicht überdimensional Dick, aber ich habe die gleiche Abweichung von der Gesellschaftsnorm, wie diese Mutter, nur nimmt die Comedy das Thema und überzeichnet es, aber unterm Strich bin ich die Mutter!

„Verletzlich sein zu dürfen, ohne verletzt zu werden“ bedeutet für mich, das es OK sein sollte, sich durch etwas verletzt zu fühlen, was zwar nicht gegen einen persönlich gerichtet ist, aber gegen etwas das die eigenen Situation repräsentiert. Das Menschen es verstehen sollten, das mancher Kommentar der „Allgemein“ nach außen getragen wird, einen persönlich trifft!

Aber das Problem ist doch, das man so was nicht so einfach aus dem Kollektiven Gedächtnis unserer Gesellschaft löschen oder umprogrammieren kann.

Es ist also leichter, zu lernen sich mit sich selbst wohl zu fühlen. Nicht immer darüber nachzudenken, was schlecht an einem sein könnte, sondern sich mit dem beschäftigen, was man an sich selbst toll findet. Schönheit hat viele einzelner Faktoren, Gewicht ist nur einer davon und wesentlich leichter zu ändern, als ein beschissener Charakter!

Oder wie es in der letzten NEON in der Rubrik „Vom Leben gelernt“ hieß: „Im Leben geht es nicht darum, zu warten bis das Gewitter vorbeizieht, sondern zu lernen, im Regen zu tanzen“ Wir sollten alle viel öfter im Regen tanzen… 🙂

 

3 Kommentare zu “Der Wal, das kollektive Gedächtnis, dick ist schick oder im Regen tanzen! ☺

  1. Liebe Debby,
    wie Du schon indirekt erkannt hast liegt Schönheit immer im Auge des Betrachters. Wenn der beste Mann der Welt mir sagt, dass ich schön bin ist mir das ehrlich gesagt immer ein bisschen peinlich, weil schön ist für mich anders. Man nimmt ja nicht nur andere anders wahr als sie sich selbst, man tut das ja auch selbst. Es hat mich nie wirklich gestört, dass ich mich nicht schön fühle, denn ich fühle mich auch nicht hässlich. Im Grunde war es mir die letzten Jahre ziemlich egal, ich gebe zu ich lache über Dicke-Witze (wenn sie wirklich witzig sind), das liegt wohl daran, das ich über mich selbst lachen kann. In den letzten Jahren habe ich gelernt, dass es mein Charakter ist wofür meine Familie und Freunde mich mögen und wenn jemand fremdes mich als dick oder sogar fett bezeichnet, grinse ich und sage: „stimmt“. Zum einen macht sie das meistens sprachlos (wir beide wissen, dass solche extremen Kommentare nicht unbedingt von den klugen Köpfen kommen) zum anderen ist es mir tatsächlich egal was fremde Menschen von mir denken 🙂
    Ich habe mir ein Ziel gesetzt: ich will wieder in den zweistelligen Bereich was meine Kg angeht, nicht um schöner zu sein, sondern um „fitter“ zu sein und vor allem gesünder.
    Es ist beschämend wenn ich meine Schwiegereltern (74 und 77 Jahre alt) besuche und die fitter sind als ich *g*. Tatsächlich möchte ich in dem Alter genau so fit sein, das macht es die ganze Sache doch wert 🙂
    LG Petra

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