Der selbstbewusste Wal – Eine Lebenslüge? Vom 29. Mai 2014

Die Aussage / Frage, die ich seit Januar am aller häufigsten höre ist „Aber Du bist doch immer so selbstbewusst und hast vermittelt das Du Dich wohl in Deiner Haut fühlst! Stimmt das denn nicht?“ Und ich antworte immer „Doch, das stimmt und ja ich bin selbstbewusst. Warum sollte ich das auch nicht sein?“. Darauf habe ich übrigens noch nie eine Antwort bekommen, irgendwie bleibt die Frage immer solange unbeantwortet im Raum stehen, bis sie verblasst.

Aber wenn man eine Frage so häufig gestellt bekommt ist es unvermeidbar, das man anfängt darüber nachzudenken. Wie kann ich meine Antwort ehrlich meinen, wenn ich gleichzeitig einen Blog darüber schreibe, wie ich versuche 80Kg abzunehmen und eine Sportskanone zu werden?

Folglich muss ich mich auch fragen ob ich selbstbewusst bin und ob ich mich in meiner Haut wohlfühle? Lüge ich mir selbst in die Tasche? Warum bin ich eigentlich selbstbewusst? Diese letzte Frage ist ein teuflischer Denkanstoß, weil man um das rauszufinden, ziemlich weit in der Zeit zurückgehen muss. Meiner Einschätzung nach, werden die wenigsten Menschen im Erwachsenen Leben über Nacht Selbstbewusst, ich persönlich denke eher dass der Grundstein dafür in der Kindheit gelegt wird. Also fing ich an, das erste mal seit längerer Zeit über meine Kinderjahre nachzudenken.

Ich bin das Kind einer romantischen Liebe, denn meine Mutter war so verknallt in meinen Erzeuger, das sie unbedingt sehen wollte, was bei der Vermischung Ihrer beider DNA rauskommen würde. So erzählt sie das heute. Aber meine Mutter ist in Ihrem Herzen viel romantischer als sie nach außen hin zugibt, ich weiß nämlich genau was sie für Bücher liest, darum vermute ich, das sie damals dachte das sie einem Elfengleichen Wesen das Leben schenken würde. Soweit ich weiß, wurde sie schon im Krankenhaus eines besseren belehrt, denn es gibt von den ersten 24 Stunden meines Lebens, nur Bilder von mir, wie ich am Spieß brülle oder sehr unzufrieden dreinschaue. Dass es mit mir nicht einfach werden würde war also absehbar und so war es dann auch. Das lag aber weniger an mir, sondern eher an der Tatsache, dass die romantische Liebe nicht für die Ewigkeit bestimmt. Das ist meine blumige Art auszudrücken, dass mein Erzeuger ein Arsch war und meine Mutter intelligent genug ihn zu verlassen. Von da an musste sie also für uns sorgen und weil meine Mutter auch intelligent genug war, Ihre eigenen Träume und Wünsche nicht zu ignorieren wollte sie Ihr Geld mit etwas verdienen, was Ihr Spaß machte. Ihr ganzes Leben beschäftigte sie sich mit Kunst, Theater, Film und Fernsehen. Gott sei Dank, konnte sie uns damit auch gut ernähren, aber es war ein unstetes Leben, das viele Reisen mit sich brachte.

Darum wuchs ich die ersten neun Jahre meine Lebens abwechselnd bei meiner Großmutter und bei Pflegeeltern auf. Falls jetzt einer von Euch seufzt und denkt „Ach die Arme“ möchte ich sagen Stopp! Es war eine schöne Kindheit, etwas unkonventionell aber aufregend und ich wurde und werde noch sehr geliebt und das potentiell von mehr Elternteilen als die meisten Menschen je haben.
Meine Mutter hatte während ihrer Schwangerschaft viele Bücher von A.S. Neil, dem Gründer der Schule Summerhill gelesen und im Sommer meines 10 Lebensjahres durfte ich nach Summerhill in England. Diejenigen von Euch, denen die Schule eine Begriff ist, werden jetzt sicher denken „Ahh, das erklärt so einiges“

Wenige Monate vor meinem meiner ersten Abreise nach England meldete sich mein Erzeuger, den ich vorher noch nie kennengelernt hatte. Ich glaube er hatte eine Freundin, die wollte dass er sich um sein Kind kümmert, wenn er schon eins hat. Da war er also, mein „Vater“ und in meinen Kinderaugen war er ein strahlender Gottgleicher Held. Groß, stark, mit goldenen Haaren und einem Charme gesegnet, denn ich selbst als Kind als solchen erkannte. Wenn der Erzeuger wollte dass man ihn mag, dann hatte man auch keine Chance, das nicht zu tun. Auf mich wirkte er wie eine Naturgewalt. Nach zwei gemeinsamen Wochenenden war ich ihm verfallen. Ich sollte mich in späteren Jahren radikal von diesem Gefühl erholen und ihn mit realistischen Augen sehen. Jedenfalls waren es nur zwei Wochenenden, weil ich ja ins Internat abreisen musste. In in Summe habe ich zwei Geschenke von meinem Erzeuger bekommen. Einen überdimensionalen billigen weißen Teddybär und einen Jogginganzug in Bonbon Pink und genau diese beiden Geschenke sollten ein wesentlicher Grundstein meines Selbstbewusstseins werden. Beides bekam ich zu meiner Abreise geschenkt und beides wollte ich unbedingt mitnehmen. Meine Mutter warnte mich und riet mir beides zuhause zu lassen. Ich weiß nicht ob sie wusste was ich mir damit einhandeln würde oder ob sie die Sachen einfach nicht mochte, weil sie vom Erzeuger waren. Rückblickend weiß ich nicht ob ich mir wünschen würde, dass ich damals auf sie gehört hätte, denn dann wäre ich vielleicht ein anderer Mensch geworden.

Zu dem Teddybär, der übrigens immer noch lebt, nur jetzt bei einer Freundin in England, möchte ich nur so viel sagen. Wer mit einem riesigen Stofftier reist, darf sich nicht wundern, wenn alle ihn wie ein Kleinkind behandeln. Ich war neun, 1,70m und altklug und empfand das als zutiefst Demütigen, aber es sollte noch härter kommen. In der zweiten Woche im Internat zog ich das erste mal den Bonbon Pinken Jogginganzug an und erntete innerhalb der ersten Stunde den Spitznamen „Pink Elephant“ und obwohl ich erst ein paar Worte Englisch sprach, wusste ich das das nichts Gutes zu bedeuten hatte. Hatte es auch nicht und ich sollte den Spitznamen für die kommenden fünf Jahre behalten oder ihn zumindest nicht mehr wirklich loswerden.
Übrigens war ich damals nicht dick, sondern ein ganz normales pausbäckiges Kind, aber ich kann Rückblickend verstehen, warum dieser Jogginganzug zu einem solchen Spitznamen geführt hat. Er war so grell, das ich einfach wirkte wie ein Elefant im Porzellanladen. Ich hätte es mir damals einfach machen und das Objekt des Spots einfach nichtmehr anziehen können. Aber ich liebte meinen Erzeuger damals und ich wollte sein Geschenk tragen. Wichtiger aber noch, ich lasse mich nicht gerne zu etwas zwingen, noch nicht mal drängen vertrage ich gut. Darum reagierte ich mit Trotz. Ich lief das gesamte Trimester mit diesem Jogginganzug rum, vom Takt her in etwa: zwei Tage Pinker Jogginganzug, ein Tag was anderes und dann wieder zwei Tage Jogginganzug usw.

In einem Internat mit 80 Kindern, geht der Spot nicht so leicht aus und da Worte schon immer die Waffen meiner Wahl waren, hatte ich somit eine Motivation die Sprache schnell zu lernen. Nichts ist frustrierender, als wenn einem die Worte fehlen, wenn man jemanden richtig beschimpfen will. Darum wird es sicher niemanden wundern, dass ich mich zunächst ausgiebig mit dem Erlernen einer bunten Palette von Schimpfwörtern beschäftigte.
Aber ehrlich, man kann nicht gewinnen, wenn der Wortschatz sich auf „Piss Off“ und „Fuck you“ etc. beschränkt, da kommt man dann doch ziemlich schnell ans Ende seiner Kommunikativen Möglichkeiten. Als meine Sprachkenntnisse sich dann intensivierten, wuchsen meine Möglichkeiten und ich lerne schnell, wer lacht hat keinen Atem mehr übrig um mich zu ärgern. Und was ist komischer als jemand der über sich selbst lachen und Witze machen kann? Ich war zu meiner Internatszeit so eine Art Kinderversion von Cindy aus Marzahn. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich dann meine Rolle in der Internatsgemeinschaft gefunden und sie gefiel mir sehr gut und tut es immer noch. Ich bin stolz darauf das ich Menschen zum Lachen bringen kann und der Klang eines Lachens, das man selbst, ganz bewusst (schönes Wortspiel) ausgelöst hat, ist wunderschön. Das hat mich selbstbewusst gemacht!

Aber Trotzdem, wenn man ein paar Jahre den Spitznamen „Pink Elephant“ hat, dann bleibt da was hängen. Wenn eine große Gruppe Menschen, die man zudem auch noch mag und respektiert, einem über einem längeren Zeitraum vermittelt, das man einem Dickhäuter ähnelt, dann geht man irgendwann davon aus, dass das wohl auch so ist.
Obwohl ich eigentlich erst in meinen 20ern wirklich dick wurde, war ich es in meinem Kopf schon lange vorher. Aber gar nicht auf eine negative Weise, ich war ziemlich happy mit mir und fand das auch nicht schlimm. Wobei, ich will ja ehrlich bleiben! Ich hab mich selbst nie wortwörtlich als dick bezeichnet und habe mir das auch von anderen verboten. Ich hatte schon immer eine Menge nette Bezeichnungen wie z.B. Wuchtbrumme oder eben Rubensweib für mich. Im Laufe der Jahre wurde ich dann auch dick und ich denke das ist, weil ich einfach schon früh dachte „Du bist halt nicht für die Liga der schlanken bestimmt“ und ehrlich, es hat mich nicht gestört, darum hab ich es auch nie versucht.

Da stehe ich dann also, groß, dick, selbstbewusst und sehr dominant (Ihr erinnert Euch? Das immer aufgeregte Gorillaweibchen!) In der Außenwirkung mit einem Auftreten, als ob mir die Welt gehört. Zumindest wurde mir schon öfter gesagt, dass ich so rüber komme.
Ahnt Ihr wo das Problem liegt?
Es gibt nicht viele Menschen die, einem aufgeregten Gorillaweibchen, das sich selbst auch noch ziemlich toll findet, unangenehme Wahrheiten ins Gesicht sagen wollen. Ich denke, dass einige sich schlicht weg nicht getraut haben, andere werden keinen Bock auf die mit Sicherheit darauf folgende Diskussion gehabt haben und sicher gibt es auch jene, die einfach nicht das Herz hatten mich zu verletzten. Denn eins ist sicher, seit ich das Thema so plakativ offen angehe, gibt es auch viele, die regelrecht erleichtert sind und mir jetzt gestehen, dass sie sich große Sorgen gemacht haben, wo das noch hingehen sollte. Also haben es andere gemerkt was los ist,bevor ich aus meinem Dornröschen Schlaf gerissen wurde. Ich selbst hatte mich im Kopf mit meiner Figur so gut arrangiert, dass ich es nicht merkte, als aus Übergewicht Adipositas wurde.

Ich habe daraus gelernt, das ein starkes Selbstbewusstsein und Humor eine gute Mauer gegen jegliche Form von Verletzung oder Kränkungen sind, weil vieles daran abprallt. Aber wer so eine Mauer baut, vergisst manchmal ein Tor mit einzubauen, damit man auch mal was oder jemanden rein lassen kann und das auch, wenn derjenige keine Kuchen sondern schlechte Nachrichten als Wegzoll, mitbringt.

Erst seit einigen Wochen betrachte ich mich wieder im Spiegel. Ich meine damit nicht, den täglichen Blick beim Zähneputzen, schminken oder vor dem Garderobenspiegel. Sondern nach dem Duschen, nackt wie Gott bzw. meine Mutter und der Erzeuger mich erschufen. Ich begutachte mich konzentriert und ausgiebig und ich frage mich oft, wie ich die Zeichen so ausblenden konnte? Die Zeichen das ich schon lange nicht mehr üppige weiche Kurven habe, sondern in Wirklichkeit einen wirklich großen weichen Bauch, der primär aus Fett besteht. Warum habe ich nicht gesehen, dass meine Schneckel immer massiver geworden sind? Das meine Fußknöchel eher zu erahnen als wirklich zu sehen sind? Das meine Arme schon lange nicht mehr grazil sind und ich lange Fingernägel brauche um meine Wurstfinger zu tarnen? Warum hab ich es nicht gesehen???

Ich kann es mir nur so erklären, ich muss irgendwann ein Selbstbild in meinem Kopf abgespeichert haben und diese Datei habe ich dann nie mehr aktualisiert. Und genau das bringt mich zu der zweiten Frage. Fühle ich mich wohl in meiner Haut? Die ehrliche Antwort darauf ist: Nein, im Moment nicht!
Weil ich eben aus meinem Dornröschen Schlaf erwacht bin bzw. irgendwie wurde meine Selbstbild Datei aktualisiert und ich sehe jetzt, was wirklich aus mir geworden ist.

Der springende Punkt ist, als ich wirklich noch eine Frau mit einem Rubenskörper war, da hab ich mich wohl in meiner Haut gefühlt, sogar sehr! Aber meine Selbstwahrnehmung hatte irgendwie den Anschluss verpasst und jetzt bin ich keine Rubensfrau mehr, sondern krankhaft Dick.

Wer bis hier hin am Ball geblieben ist, großer Gott, Kurzfassen ist wirklich nicht mein Ding, könnte jetzt zu Recht fragen „Wenn Du als Rubensfrau so glücklich warst, dann würden ja auch 40 Kg bis 50 Kg Gewichtsverlust reichen. Warum also 80Kg?“
Weil meine Gewichtsentwicklung noch etwas anderes zeigt, nämlich einen gewissen Kontrollverlust meinerseits!
Irgendwie als ob ich Selbstkontrolle gegen Selbstbewusstsein eingetauscht hätte.
Jetzt will ich mir meine Selbstkontrolle wieder zurückholen, damit Ich alles sein kann was ich will, im Zweifelfall auch Schlank… 😉

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